Von der Kunst, zur Welt zu sprechen

 

DIE ZEIT OHNE BEISPIEL-Vorwort

        Vor den Fenstern zum Wilhelmplatz, im Zimmer des Ministers, steht jetzt im Kriege ein langer Kartentisch. Die Karten darauf sind solche, wie sie der Generalstäbler mit seinem Zirkel abmißt und mit den mathe­matischen Zeichnungen und bunten Zahlen seiner Pläne überzieht. Und es sind andere, die einem Kapitel des Krieges angehören, das seinesgleichen in der Kriegsgeschichte bisher nicht hatte.

        Da findet sich eine Karte mit den Sendestationen, die in Europa er­obert wurden; auf mehreren Blättern sind die Marschwege und Standorte der Propagandakompanien eingezeichnet; eine Weltkarte zeigt die Zonen, die der vielsprachige Kurzwellensender mit Nachrichten überzieht; auf einer Karte sind die Reisewege und Spielorte der Frontbühnen abzulesen; auf Vergleichskarten werden die bombardierten Städte Englands und Deutschlands eingetragen. So oft Dr. Goebbels an diesen Tisch heran­tritt, mit Offizieren, Kriegsberichtern, Schriftleitern, Rundfunkleuten und Künstlern, wird der Krieg als ein Ereignis sichtbar, das die Geister und Gemüter mobilisiert hat.

        Ein oder zweimal die Woche ist das Zimmer leer und Dr. Goebbels geht vor dem Tisch auf und ab. Er diktiert einen Aufsatz oder eine Rede. Das geschieht mitten in der Tagesarbeit und oft so schnell, daß die im Vorzimmer Wartenden überrascht sind, den Stenographen mit dem Block schon nach einer Viertelstunde wiederzusehen. Es hat Tage höchster Spannung und Konzentration gegeben, an denen ein dreispaltiger Auf­satz in 12 Minuten gesprochen und mitgeschrieben wurde. Doch ist das nicht die Regel. Wo Dr. Goebbels polemisiert, da steht ihm das Wort, wie man weiß, in einer Weise zur Verfügung, wie wenigen sonst. Da glücken ihm die scharfen und zugespitzten, die eleganten und durch­schlagenden Formulierungen. Wo er polemisiert, bedarf es keiner lang­wierigen Vorbereitung. Als Revolutionär ist er in allen Arten der politi­schen Redekunst zu Hause. Daher lesen sich die meisten dieser Artikel, als ob sie im Augenblick gesprochen würden. Anders ist es mit Aufsätzen, die den tragenden Problemen der Zeit gewidmet sind oder einen bestimmten außenpolitischen Zweck verfolgen. Solche Arbeiten werden mit der gebotenen Gründlichkeit angefaßt. Es werden Akten und Belege heran­gezogen, Zitate persönlich an Hand des Originals überprüft, es werden Äußerungen von Eden und Roosevelt oder Pitman und Ickes noch ein­mal aus der Quelle übertragen. Es kommt dann vor, daß ein Manuskript mehrfach überarbeitet wird, eine Woche oder länger liegenbleibt und noch einmal jedes Wort wie auf der Apothekerwaage nachgewogen wird. Mit Temperament allein ist kein Krieg zu gewinnen, wenn auch so vieles an Dr. Goebbels als Temperament erscheint. Wenige wissen, daß sein Tag einer strengen Arbeitseinteilung unterworfen ist, die morgens früh mit den seit 1920 regelmäßig geführten Eintragungen in seine Tagebücher beginnt und spät in der Nacht mit einer pflichtgemäßen Vorführung der Bildstreifen für die Wochenschau endet, die m 3000 Kopien in die Welt hinausgehen.

        Die peinlich befolgte Tageseinteilung wurde mehr und mehr bedrängt, als sich die ersten Zeichen einer wirklichen Kriegsgefahr in Europa zeigten. Das war wenige Monate nach der Konferenz von München, um die Jahreswende 1938/39 der Fall. England rüstete auf, die Vereinigten Staaten ließen der Hetze ihrer Presse und Diplomatie freien Lauf, Frank­reich wurde mitgezerrt, Polen auf den Weg des Wahnsinns getrieben. Jetzt galt es, auch propagandistisch auf der Hut zu sein und dem eigenen Volk wie den Völkern der Welt das Spiel der Einkreisung zu zeigen. Jetzt kam es darauf an, das Ministerium, den Rundfunk, die Presse, den Film, die Partei auf den Ernstfall vorzubereiten. Die Propaganda als deutsche Kriegswaffe stand vor ihrer Feuertaufe.

        Dr. Goebbels hielt an seinem Tagesplan fest. Unwesentliches wurde beiseitegeschoben. Die Besucher mußten sich kürzer fassen. Die Vorlagen und Denkschriften, die auf seinen Tisch kamen, wurden noch epigrammatischer. Dafür nahm die Lektüre der Presse, der vertraulichen Nachrichten, der feindlichen Flugblätter und Broschüren und der Abhör­berichte ausländischer Sender zu. Das Arbeitszimmer des Ministers wurde wieder zur Redaktion wie einst in den Jahren des schweren Kampfes um Berlin, nur daß jetzt nicht eine Zeitung zu leiten, sondern die Sprache der gesamten Nachrichtenmittel, des Rundfunks, der Mund­propaganda, der Broschüren zu lenken war.

        Hier bewies sich nun, in veränderten Maßstäben, das journalistische Temperament eines berufenen Mannes. Alles, was zu seinen Ohren und auf seinen Tisch kam, wurde von Dr. Goebbels in Kriegführung um­gesetzt. Das meiste gab er in zweite und dritte Hände mit ein paar knappen Stichworten, vieles erschien in seiner Diktion im Auslande, ohne seinen Namen zu verraten. Immer wurde auf Aktualität Wert gelegt. Lang­atmige Broschüren, dicke Wälzer, breite akademische Erörterungen, wie man sie im Weltkriege versucht hatte, wurden fast immer abgelehnt. Es galt, dem Gegner schlagfertig auf den Fersen zu bleiben. Auch auf dem Gebiet der Propaganda durfte es keinen Stellungskrieg mehr geben. Jede Dummheit von Churchill, jede seiner Niederlagen und Blamagen mußte mit raschem Stellungswechsel aufs Köm genommen werden. So griff denn Dr. Goebbels wieder wie früher Woche um Woche mit seinem Namen als Journalist in den Gang der Dinge ein. Es erschienen seine Aufsätze im "Völkischen Beobachter" und im "Reich".

        Man hat sich gefragt, warum er sie nicht der gesamten Presse zu­leitete. Dazu hätte selbstverständlich die Möglichkeit bestanden. Aber Dr. Goebbels machte einen bewußten Unterschied zwischen dem, was er in seiner Eigenschaft als Minister und was er in seiner Eigenschaft als Journalist zu sagen hatte. Indem er sich wiederum in die Reihen der politischen Schriftleiter stellte, bestätigte er diese in ihrer eigenen selbstverantwortlichen Arbeit. Er wollte, daß man den Leitartikel in der Presse wieder als ein persönliches Wort nähme. Er wollte, daß er wieder ein Gewicht bekomme und im Wettbewerb eine besondere Leistung wurde, die den Leser anspricht. Neben der Nachricht, neben den Be­richten des Oberkommandos der Wehrmacht, neben den PK-Berichten sollte das politische Wort, das politische Argument, die politische Über­zeugung stehen.

        Aus solcher persönlichen Arbeit im Rahmen einer größeren Kriegsarbeit entstanden seine Aufsätze wie seine Reden. Wir haben in dieser "Zeit ohne Beispiel" seit dem Heraufkommen des kritischen Jahres 1939 so vieles erlebt, die Leistungen unserer Soldaten und die Veränderungen der Landkarte, die durch unsere Feldzüge herbeigeführt wurden, sind so umwälzender Art, daß ein Aufsatz oder eine Rede davor zu verschwinden scheinen. Und doch, wenn man die Sammlung dieses umfangreichen Buches vor sich sieht, die nur einen geringen Bruchteil selbst der schrift­stellerischen Arbeit eines Mannes in diesen Jahren ausmacht, so tritt darin auch die Größe des Krieges in unser Bewußtsein. Es zeigt sich, daß wir diesen Krieg als ein politisches Volk auf uns genommen haben, und daß wir ihn als ein politisches Ganzes führen. Wir haben in diesem Krieg nicht ein einziges Mal die Sprache verloren. Wir sind auch nicht mit einer verstiegenen prahlerischen, leichtfertigen Sprache in diesen Krieg hinein­gegangen. Gänzlich fehlen die Töne eines patriotischen Rausches, der über den Ernst und die Schwere des Kampfes hinwegtäuschen soll. Dr. Goebbels hat diese Sprache auch dort, wo sie sehr scharf wird, be­stimmt. Er hat die gesammelte, unpathetische Stimmung unseres Volkes gekannt, er hat sie geteilt. So sehr er Männern wie Churchill oder Halifax, Eden oder Roosevelt mit den Mitteln seiner Ironie und seines Spottes begegnet, nirgends wird darüber die Bedeutung der feindlichen Kräfte und Umtriebe vergessen. Wo Prognosen gestellt werden — und es fehlt in diesem Buch von Zeit zu Zeit nicht an Prognosen —, da entspringen sie nicht jener leichtsinnigen Spekulation auf die Gunst des Zufalls, mit der gerade Churchill seine Engländer über die Schwere der erlittenen Schläge hinwegzutäuschen versuchte. Vielmehr wird darin die geheime Absicht der Gegner erraten und rechtzeitig ihre Verantwortung fest­gelegt. Was Dr. Goebbels z. B. schon im Januar 1939 über die amerikani­schen Kriegstreiber schrieb, hat sich Schritt für Schritt bewahrheitet.

        In einem seiner Aufsätze über Churchill hat Dr. Goebbels den englischen Premier als einen Spieler charakterisiert, der von Einsatz zu Einsatz auf sein Glück hofft, auch wenn er darüber sein ganzes Imperium verspielt. Gerade in diesem Verhältnis zum Glück unterscheiden sich der Führer und Mr. Churchill am tiefsten und deutlichsten. Immer wieder klingt dieses Motiv an, immer wieder wird es auf die einzig mögliche, unserem Denken entsprechende Formel gebracht, die Moltke prägte: Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige! Keine Wunder und keine Glücksfälle entscheiden diesen Krieg, den Sieg allein verbürgt die Leistung unserer Menschen und unserer Waffen und die Festigkeit unserer Herzen, an denen alle Worte des Feindes abprallen. In einer Sprache, die der ein­fache Mann wie der Gebildete versteht, hat Dr. Goebbels die Kriegs­lehren eines sozialistischen, jungen Volkes aufgestellt, das begriffen hat, wie alles, was mit uns geschieht, einer höheren Notwendigkeit entspringt. Das aber ist das Wesentliche im Kriege. Daß kein Hoffen und Warten, kein Verzichten und Verpflichten umsonst ist, daß nirgendwo in diesem Kriege etwas Sinnloses von uns verlangt wird, daß kein Tropfen Blut für ein Prestige vergossen wird, daß alle Anstrengungen einem geheimen Plan folgen, der in der Hand des Führers liegt, diese Logik des Krieges ist die Summe seiner Aufsätze und Reden. Es geht von ihnen das Bewußtsein der deutschen Sicherheit und Überlegenheit aus. In einem Satz ist unser aller Bewußtsein in diesem Kriege enthalten: "Deutschland ist immer so stark gewesen, wie es sich heute zeigt; es hat das nur nicht gewußt."

Schwarz van Berk

 

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