Joseph Goebbels: "Der steile Aufstieg"

Franz Eher Verlag München 1944, Seite 339

 

 

Unsterbliche deutsche Kultur

Rede zur Eröffnung der 7. Großen

Deutschen Kunstausstellung

26. Juni 1943

 

 

        Man denke sich den Beitrag Deutschlands und Italiens aus der abendländischen Kunst und Kultur weg, und ein gewisser Teil nur wird noch davon übrig bleiben. Man muß diese Feststellung, so binsenwahr sie auch sein mag, hin und wieder erneut treffen, um den überheblichen Redensarten unserer Feinde ein zwar knappes, dafür aber um so überzeugenderes Dementi entgegenzusetzen. Sie lieben es, sich vor der Welt als Beschützer und Verteidiger einer Kunst und Kultur aufzuspielen, die sie selbst gar nicht geschaffen haben, oder zu der sie doch höchstens einen bescheidenen Zuschuß beisteuerten, der ohne weiteres entbehrlich erscheint, ohne daß ihr Gebäude gänzlich zusammenstürzt. Was sie an Kunstschätzen besitzen, das haben sie zumeist auf ihren Kriegszügen nach Europa oder in die ferne Welt geraubt und geplündert. Eigene kulturelle Leistungen haben sie kaum zustandegebracht, oder wenn ja, dann nur aus dem Geiste und aus dem seelischen Bewußtsein eines Erdteils heraus, den sie heute zu zerstören oder zu vernichten suchen. Städte wie Nürnberg und München oder Florenz und Venedig enthalten mehr an ewigen Ausdrucksformen des abendländischen Kulturgeistes als der ganze nordamerikanische Kontinent zusammengenommen; und welchen Musiker können die Engländer Beethoven oder Richard Wagner, welchen bildenden Künstler die Amerikaner Michelangelo oder Lionardo da Vinci entgegenstellen? Sie reden nur von der Kultur der Menschheit; wir aber besitzen sie und sind auch heute ihre Hüter, Treuhänder und Beschützer.

        Das muß man sich immer wieder vor Augen halten, um den tieferen Sinn des gigantischen Kampfes, den die Achsenmächte in diesem Kriege zu bestehen haben, richtig zu begreifen und zu würdigen. Es geht diesmal in der Tat um die elementarsten Werte, die Europa in seiner mehrtausendjährigen Geschichte hervorgebracht hat, um mehr noch, nämlich um die eigentlichen Zeugungskräfte, von denen diese Werte in der Vergangenheit sowohl wie in der Gegenwart und in der Zukunft ihren Ursprung herleiten. Europa ist in seinen Lebenswurzeln angegriffen und bedroht. Die Völker, die den höchsten Beitrag zu dem, was wir Abendland nennen, zugesteuert haben, sind in einem Verteidigungskampf um ihr materielles und geistiges Dasein begriffen, und würden sie diesen, indem sie ihn vorzeitig aufgäben, verlieren, so wäre unser Kontinent für alle kommenden Zeiten verloren, schon allein deshalb, weil die Wurzeln seines Wachstums, das in über zwei Jahrtausenden so herrliche Blüten und Früchte zeitigte, dadurch zerschnitten würden.

        Es ist natürlich dumm und leicht zu widerlegen, wenn unsere Feinde behaupten, sie bekämpften nur die augenblicklichen Regime der Achsenmächte, nicht aber ihre Völker. Denn erstens haben sie das bisher noch immer gesagt, um es dann, wenn sie, wie 1918 und 1919, danach handeln sollten, zu vergessen, und zweitens sind diese Regime nur der natürliche Ausdruck des modernen politischen Denkens ihrer Völker. Es gibt für sie heute keine andere Form des zweckmäßigen Zusammenlebens als diese. Die Behauptung, daß ihre autokrate Struktur der Kunst das Leben verleide, ja sogar ihre weitere Entwicklung unmöglich mache, kann ebenso sehr aus der Theorie wie aus der aktuellen Praxis widerlegt werden. Denn diese Regime sind gar nicht so autokrat, wie ihnen nachgesagt wird. Jedenfalls weisen sie stärkere demokratische Züge auf als die traditionellen Demokratien, und zudem beweist die Kulturgeschichte aller Zeiten und Völker, daß die Kunst nicht viel danach fragt, unter welchem politischen System sie lebt, um davon ihr Gedeihen abhängig zu machen. Kirchen und Profanbauten, deren formenzeugende Kraft über Jahrhunderte hinaus in unsere Zeit hineinreicht, wurden unter tyrannischen Päpsten und Königen erdacht und erbaut; eine Malerei, die zum kostbarsten Besitz der europäischen Kultur überhaupt gehört, entstand in Jahrzehnten, die erfüllt waren vom Schlachtenlärm; dämonische Herrenfamilien zwangen Städte unter ihre Botmäßigkeit, in denen die höchste und reichste Entfaltung der bildenden Künste neben der Furchtsamkeit der Bürger wohnte.

        Aber ganz abgesehen von der Vergangenheit widerlegt die Gegenwart die dummen und dreisten Ausreden unserer Feinde, mit denen sie ihr kulturfeindliches und kulturzerstörendes Handeln zu begründen und ihm ein geistiges Mäntelchen umzuhängen versuchen. Wenn heute englische oder amerikanische Terrorflugzeuge über deutschen und italienischen Kunstzentren erscheinen und in einer knappen Stunde einen Kulturbesitz in Schutt und Asche legen, an dem Jahrhunderte gebaut und geschaffen haben, dann bedarf es schon einer Vergewaltigung des gesunden Menschenverstandes, um einem so freventlichen Verbrechen ausgerechnet eine kulturelle Begründung zu geben. Es geht hier um viel mehr als um eine Terrorisierung der Zivilbevölkerung, von einem angeblichen Krieg gegen unsere Rüstungsproduktion ganz zu schweigen; hier tobt sich ein geschichtlicher Minderwertigkeitskomplex aus, der auf unserer Seite das zu zerstören trachtet, was der Gegner selbst nicht zustandebringt und auch in der Vergangenheit nie zustandegebracht hat. Die europäische Menschheit müßte vor Scham erröten angesichts der Tatsache, daß sagen wir ein zwanzigjähriger amerikanischer, kanadischer oder australischer Terrorflieger ein Bildwerk Albrecht Dürers oder Tizians vernichten kann und darf, sich also an den ehrwürdigsten Namen der Menschheit vergreift, ohne daß er und Millionen seiner Landsleute sie auch nur vom Hörensagen kennen. Da gibt es gar keine Entschuldigungen mehr; das ist der kalte, zynisch berechnende Kampf der ungeratenen Enkel Europas, die sich als Emporkömmlinge eines anderen Erdteils gegen den alten Kontinent wenden, weil er reicher an Seele und Gemüt ist als der ihre und deshalb neben Wolkenkratzern, Autos und Kühlschränken auch noch unsterbliche Zeugnisse einer tiefen künstlerischen Schöpfungs- und Zeugungskraft hervorgebracht hat.

        Ist es nicht bezeichnend, daß die englische Kriegführung in Deutschland schon Dutzende von Theatern zerstört hat, England selbst aber nicht ein einziges ernstzunehmendes Theater besitzt? Von den Amerikanern rede ich in diesem Zusammenhang erst gar nicht, weil sie das kaum verdienen. Sie verwüsten Städte des europäischen Kontinents mit ihren Kultureinrichtungen, weil sie ihnen in Chicago und San Francisco keine ebenbürtigen Gegenbeispiele entgegenzustellen haben. Was sie an europäischer Kunst und Kultur nicht kaufen können, das soll nun ein Opfer ihrer Terrorbomber werden.

        Damit wissen wir, was gemeint ist und was man mit uns vor hat. Dieser Krieg geht nicht nur um unser tägliches Brot, um den Lebensraum unseres Volkes und den Frieden seiner Heimstätten; wir müssen diesmal mehr als je in einem vorangegangenen unsere kostbarsten Güter verteidigen, die, die uns das Leben überhaupt erst lebensweit machen und ohne die das menschliche Dasein ein stumpfes Dahinvegetieren wäre, wie es uns unsere Feinde aus den Steppen des Ostens schon vorleben.

        Zwar ist der Krieg ein großer Zerstörer, aber er weist auch aufbauende Elemente auf, die mitten in seinem Vernichtungswerk manchmal fast blitzartig in Erscheinung treten. Er raubt nicht nur die Besinnung, er gibt auch die Besinnung zurück. Niemals haben die Menschen unseres Kontinents so wie heute geistige Bilanz gemacht und sich Rechenschaft darüber abgelegt, wo Europa steht und was wir tun müssen. Mag sein, daß Zeiten eines satten Friedens den Menschen manchmal die Genußmöglichkeiten des materiellen Lebens allzu verlockend erscheinen lassen, der Krieg wischt das mit einer Handbewegung weg. Er führt auch den Stumpfen und Gleichgültigen wieder zurück zu den Wurzeln und Quellen seiner Kraft und lehrt selbst ihn, daß der Mensch nicht vom Brote allein lebt. Niemals ist der Zug zu einer geistigen und seelischen Verinnerlichung des Lebens im deutschen Volke so stark gewesen wie heute. Ich spreche nicht von den weniger erfreulichen Randerscheinungen des Krieges, die dieser so mit sich bringt wie jeder andere. Aber man muß einen Blick in unsere Theater, Konzertsäle, Museen und Kunstausstellungen werfen, muß dort das deutsche Volk alltäglich und allabendlich zu Zehn- und Hunderttausenden im Winter und Sommer sitzen, stehen und über so viel Schönheit staunen sehen, und man weiß, daß wir durch den Krieg reicher, erfüllter und auch besser geworden sind.

Es wäre ganz fehlgeschossen, diese Entwicklung nur von der materiellen Seite aus begründen zu wollen. Das deutsche Volk sucht heute nicht den Weg zur Kunst, wie vielfach behauptet wird, weil es keine andere Anlagemöglichkeit für sein überschüssiges Geld besitzt. Der Weg zur Kunst ist der Weg seines Herzens. Die Zeit führt uns mit ihren schweren Schmerzen und Peinigungen zu den tröstlichen Gewißheiten unseres völkischen Lebens zurück; und wo fanden sie einen für das Volk sichtbareren Ausdruck, als gerade in der Kunst? Wir setzen dem Zerstörungswahnsinn unserer Feinde ein trotziges "Dennoch!" entgegen. Was sie nicht verstehen, das lernen wir heute, da es durch sie bedroht wird, erst richtig begreifen. Es ist dabei unerheblich, ob sich dieser unbestreitbare Zug nach oben im deutschen Volke von heute manchmal in primitiveren oder, wie die Besserwisser meinen, kitschigen Formen äußert. Er ist da und wird sich mit der Zeit auch überall und bei jedem heben und verfeinern. Wir haben alle einmal angefangen, und was uns als Kindern gefiel, gefällt uns oft nicht mehr in reiferen Jahren. Ein großer Teil unseres Volkes ist heute noch in diesem kindlichen Alter, das alle Möglichkeiten einer systematischen Erziehung und Höherentwicklung in sich schließt. Wir sind ein Volk, das trotz seiner reichen und glanzvollen Geschichte immer noch am Anfang steht. Alle Chancen liegen offen und unverbraucht vor uns, auch hier; wir brauchen nur zuzugreifen.

Es wäre mehr als verhängnisvoll, wenn die Künstler der Gegenwart das nicht verstehen wollten. Niemals standen sie einem Volke gegenüber, das ihnen mit so offenem Herzen entgegenkam wie heute. Man muß sich den Unterschied gegen früher vor Augen halten, um zu wissen, was das bedeutet. Neue Bilder, Plastiken, Dramen, Romane, Sinfonien und Opern sind heute nicht mehr nur Diskussionsgegenstand einer intellektuellen Kritik in den Zeitungen, wie das vordem vielfach der Fall war. Sie müssen heute ihre Probe vor dem prüfenden Auge und Ohr des Volkes bestehen, ja, mehr noch, sie haben einen Vergleich auszuhalten mit den großen Kunstwerken der Vergangenheit, die dem kritischen Volksbewußtsein vielfach erst heute zur tieferen Kenntnis gelangen und für den glücklichen neuen Liebhaber nun den Maßstab abgeben für die Wertung der Kunst der Gegenwart. Niemals zuvor galt deshalb für den Künstler so wie heute die Goethesche Mahnung, zu bilden und nicht zu reden. Die Zeit ist in allem dazu angetan, das Talent vor die große Probe zu stellen. Für jeden sind im Gegensatz zu früher die gleichen Chancen gegeben. Es kann sich niemand beklagen, daß er nicht zu Worte käme, wenn er nur etwas zu sagen hat. Also greife er zu Feder, Pinsel, Meißel und Zirkel und spreche mit dem Instrument seiner Kunst und seiner Berufung zu einer Zeit, die auf seine Offenbarung wartet.

        Es mutet fast wie ein Wunder an, daß in diesem gigantischen Schicksalskampf unseres Volkes die Kunst zum großen Teil vollkommen unberührt von den Stürmen des Krieges ihrer Aufgabe dienen kann. Wenn es noch eines Beweises bedürfte für das tiefe Verständnis, das der Nationalsozialismus den .künstlerischen Bestrebungen entgegenbringt, so ist er in dieser Tatsache erbracht. Das bedeutet aber nicht, daß die Künstler überhaupt jenseits der Zeit leben dürften. Es mag unter ihnen den einen oder den anderen geben, der da glaubt, weil er in seinem künstlerischen Schaffen vom Kriege kaum in Anspruch genommen wird, daraus auch den Schluß ziehen zu müssen, daß die elementarsten Gesetze des Krieges für ihn keine Gültigkeit besäßen. Er muß an seine Pflicht gemahnt, unter Umständen sogar sehr energisch zur Ordnung gerufen werden. Denn sein Abseitsstehen und Abseitswirken ist kein Selbstzweck. Trotz allem arbeitet er im Dienste eines Volkes, das heute die schwersten Lasten und tiefsten Leiden zu ertragen hat und ein Anrecht darauf besitzt, daß der Künstler sich zu ihm bekennt, mehr noch deshalb, weil er selbst im Kriege eine Freiheit des Schaffens genießt, wie er sie früher nicht einmal in Zeiten eines normalen und unbehelligten Friedens sein eigen nannte.

        Wenn ich auch in diesem, dem vierten Kriegsjahr die Ehre habe, im Namen und Auftrag des Führers der 7. Großen Deutschen Kunstausstellung im Haus der Deutschen Kunst in München das Geleitwort zu geben, so möchte ich diese Ausführungen ihrer Eröffnung voranschicken.

        Die schöne und imposante Schau ist nicht unaktuell in unserer Zeit. Sie stellt auch eine ihrer Ausdrucksformen dar. Sie gibt die Ergänzung zum Kriege draußen an der Front durch eine Großtat unserer bildenden Künstler, die sich hier in ihrem Arbeitseifer und in ihrem schöpferischen Fanatismus das schönste Zeugnis ausstellen.

        Wieder kann ich nur, wie in den vergangenen Kriegsjahren, des Führers mit Worten gedenken, da er persönlich nicht unter uns weilen kann. Aber mehr noch als wenn das anderswo gesagt wird, ist hier sein Geist unter uns. Diese kulturelle Großleistung, Haus und Schau, ist sein Werk. Im Frieden errichtet, über den Krieg erhalten und ausgeweitet und wieder in den kommenden glücklicheren und gesegneteren Frieden hineinweisend, gibt sie uns heute schon einen Abglanz dessen, was unser wartet, wenn wir den Sieg, an den wir heute fester denn je glauben, in Händen haben.

        In meinem Gruß an den Führer grüße ich die große Zeit, deren Gestalter er ist. Noch stehen die Gerüste am Bau, und nur der Kenner vermag zu sehen, was im großen Plan seines Schöpfers liegt. Aber glauben können wir alle daran.

Und das wollen wir tun mit der ganzen Kraft unseres Herzens

 

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