Das Kulturleben im Kriege

Rede zur Jahrestagung der Reichskulturkammer

und der NS.-Gemeinschaft "Kraft durch Freude"

27. November 1939

 

        Wenn kein Krieg wäre, so würden wir heute den Gründungstag der Reichskulturkammer und der NS.-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" in traditioneller Weise feiern. Nun aber ist der Krieg da; er hat uns vor neue Probleme und schwerere Sorgen gestellt. Aber trotzdem glaubten wir, diesen Tag nicht ohne jede Erinnerung vorübergehen lassen zu sollen.

        Organisatorische Fragen sind in Deutschland heute in den Hinter­grund getreten, und Organisationen besitzen nur insofern noch eine Be­deutung, als sie sich auch im Kriege als notwendig erweisen und bewähren;  es ist damit in aller Klarheit erwiesen, daß sie immer nur Mittel zum Zweck sind, und daß sie ihre Existenzberechtigung verlieren, wenn sie gerade in schweren und kritischen Zeiten, wie wir sie heute durchleben, überflüssig werden.

        Das kann nun von den beiden Organisationen, die heute über 3000 Soldaten, Arbeiter und Kunstschaffende in das Theater des Volkes ge­rufen haben, nicht gesagt werden. Sie haben sich zur gemeinsamen kul­turellen Arbeit am deutschen Volke zusammengetan, und diese Arbeit hat gerade im Kriege ihre erhöhte Bedeutung gewonnen. Damit ist auch diesen Organisationen erst ihr eigentlicher Daseinszweck gegeben und bestätigt worden.

        Selbstverständlich ist vieles an organisatorischer Arbeit und Planung, die wir im Frieden geleistet haben und die uns damals auch als unver­meidlich erschien, über Bord geworfen worden. Wir mußten das Wich­tige vom Unwichtigen und das Lebensnotwendige vom nicht so unmittel­bar Notwendigen scheiden. Denn die Kraft des Volkes wird in vielerlei Beziehung in diesen schweren Zeiten so stark in Anspruch genommen, daß wir sie auf ganz wenige Einzelprobleme konzentrieren müssen.

        Aber der Krieg beweist es zur Genüge, daß der Mensch nicht allein vom Brote lebt. Auch der Geist und die Seele wollen Nahrung und Stärkung empfangen. Die kulturelle Tätigkeit am deutschen Volk, ins­besondere an der deutschen Wehrmacht, ist eine der wichtigsten Voraus­setzungen für die Standhaftigkeit und Durchhaltekraft der ganzen Nation in ihrem Schicksalskampf. Die hier im Theater des Volkes ver­sammelten Soldaten, Arbeiter und Künstler wollen das in aller Deutlich­keit der Öffentlichkeit zum Bewußtsein bringen.

        Der Krieg hat schon an seinem Anfang eine Unmenge neuer Probleme aufgeworfen. Sie sind von so handgreiflicher Bedeutung, daß ihnen gegenüber eine Reihe von Problemen aus Friedenszeiten vollkommen in den Schatten zurückgetreten sind. Viele Dinge haben unterdes einen anderen Sinn bekommen. Solche, die uns früher fast selbstverständlich erschienen, sind heute wichtig und bilden den Hauptteil unserer täglichen Sorge. Andere wieder, die wir früher für wichtig hielten, sind heute zu vollkommener Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Die durch den Krieg neu heraufgeführten Probleme erscheinen uns oft schwer und manchmal fast unlösbar. Aber überall fangen wir wieder an, das Kleine und scheinbar Unwichtige in seinem richtigen Wert einzuschätzen und es auch dankbar zu empfinden.

        In gleicher Weise hat der Krieg auch eine Menge neuer Sorgen mit sich gebracht, und es ist nur zu natürlich, daß diese Sorgen, weil sie so neu und manchmal auch so groß sind, das Gemüt unseres Volkes be­lasten. Der Alltag erscheint uns vielleicht grauer und schwerer, als das sonst der Fall war.

        In solchen Zeiten nun ist es um so notwendiger, daß die Staatsführung eifrig darum bemüht bleibt, hier rechtzeitig für Ausgleich zu sorgen und dem Volke gerade in so schweren Zeiten Entspannung und Erholung zu geben, auf die es heute mehr denn je Anspruch erheben kann. Ohne Optimismus ist kein Krieg zu gewinnen; er ist genau so wichtig wie die Kanonen und die Gewehre. Gerade in kritischen Stunden hilft der Optimismus Schwierigkeiten überwinden und Hindernisse beiseite­schieben.

Diesen Optimismus wollen wir im ganzen Volke pflegen. Was aber wäre mehr dazu geeignet, das Volk, unsere Soldaten und arbeitenden

        Menschen in diesem Optimismus seelisch aufzurichten und innerlich zu erneuern, als die Kunst? Jetzt wird es wohl auch denen, die das früher nicht verstehen konnten, klar, warum wir immer den Standpunkt ver­treten haben, daß es gänzlich falsch wäre, in der Kunst nur einen Zeit­vertreib für glückliche Stunden zu sehen. Wir haben niemals die Kunst nur für Friedenszeiten reserviert. Für uns hatte das Wort, daß im Waffen­lärm die Musen schweigen, keine Berechtigung. Im Gegenteil, wir ver­traten immer den Standpunkt, daß sie da erst recht ihre Kraft entfalten müßten; denn je sorgenvoller die Zeitläufte sind, um so mehr verlangen die Menschen nach innerer Aufrichtung und Erhebung durch die Kunst.

        Das liegt unserem deutschen Volkscharakter mehr als dem Charakter jedes anderen Volkes. Es ist kein Zufall, daß in England und Frankreich bei Beginn des Krieges die Theater und Kinos geschlossen wurden und die Filmproduktion beispielsweise gänzlich ins Stocken geriet. Bei uns ist das Umgekehrte der Fall. Unsere Theater und Kinos sind überfüllt. Wir sind auf das eifrigste bemüht, das künstlerische und kulturelle Leben unseres Volkes nicht nur im alten Umfang aufrechtzuerhalten, sondern nach allen Seiten und Möglichkeiten hin zu erweitern.

        Damit aber ist die umfassende kulturelle Tätigkeit der beiden großen Organisationen, der Reichskulturkammer und der NS.-Gemeinschaft "Kraft durch Freude", nicht nur nicht überflüssig geworden, sondern sie hat im Gegenteil durch den Krieg erst recht an Bedeutung gewonnen. Diese Arbeit ist heute notwendiger denn je. Wir müssen uns auf den Standpunkt stellen, daß, je dunkler die Straßen sind, desto heller unsere Theater und Kinosäle im Lichterglanz erstrahlen sollen. Je schwerer die Zeit ist, desto leuchtender muß sich über ihr die Kunst als die Trösterin der Menschenseele erheben.

       Das verlangen vor allem auch unsere Soldaten. Sie wollen nicht ge­deckt sein von einer Heimat, die in Trübsinn und Melancholie versinkt. Es war mehr als typisch, daß, als der deutsche Rundfunk an die Wehr­macht die Frage richtete, welche Musik sie hören wolle, aus ihren Reihen einstimmig der Ruf nach optimistischer, lebensbejahender und herzen­erhebender Musik kam.

        In diesem Sinne haben wir deshalb auch unsere kulturelle Arbeit bei der Wehrmacht ausgerichtet. Die deutschen Künstler haben es für ihre erste und wichtigste Aufgabe angesehen, unseren Soldaten Unterhaltung und Entspannung zu bringen.

       Der Laie macht sich gar keine Vorstellung davon, in welch um­fassender Weise diese Arbeit sowohl im Osten wie auch im Westen bereits aufgenommen ist.

Millionen Bücher gingen bereits an unsere Soldaten heraus.

       Ungezählte Theater-, Variete- und Filmaufführungen wurden all­überall hinter der Front veranstaltet.

        Der deutsche Film hat dabei einen Siegeslauf angetreten, der auch für die Optimisten in diesem Umfang unerwartet kam. Das mag wohl mit daran liegen, daß er bemüht war, dem Volke in einer wöchentlich er­scheinenden aktuellen Wochenschau einen plastischen Überblick über das geschichtliche Zeitgeschehen zu vermitteln. Diese deutsche Wochen­schau begegnet kaum noch einer Kritik. Sie ist modern und großzügig aufgebaut. Unsere Kameramänner, die unter Einsatz ihres Lebens mitten in den schwersten Schlachten diese Wochenschauen drehten, verdienen unseren höchsten Dank. Eine ganze Reihe von ihnen hat ihren helden­mütigen Einsatz mit ihrem Leben bezahlt.

       Daneben steht unsere Rundfunkarbeit, die an Umfang, an Klar­heit der Führung und Präzision der Durchführung, an Volksnähe und damit Volkstümlichkeit alles bisher Dagewesene bei weitem über­trifft. Vielleicht erinnern wir uns noch mit einem mitleidigen Lächern der Zeit, in der es auch unter uns Literaten gab, die es für ihre kulturelle Pflicht hielten, den Rundfunk in Bausch und Bogen zu verdammen. Wie oft haben wir uns gegen Argumente zur Wehr gesetzt, die dem Rundfunk überhaupt seine Existenzberechtigung den echten Künsten gegenüber absprachen! All dieses hohle Gerede hat der Krieg mit einem Schlage weggefegt; es wiegt heute nicht mehr so viel wie ein Dankesbrief eines einsamen Bunkers im Westen oder einer weit im Osten vorgeschobenen Infanteriekompanie an den Rundfunk, die einzig und allein durch die Ätherwellen mit der fernen Heimat und mit ihren Lieben verbunden waren.

Welch ein Vorteil ist heute darin zu sehen, daß es uns rechtzeitig ge­lungen ist, die Errungenschaften der modernen Technik in Überein­stimmung zu bringen mit den Forderungen der politischen Staatsführung und der Verpflichtung unserer kulturellen Sendung gegenüber! Die Technik erweist sich heute in ihrer Verbindung mit der Kunst selbst als die stärkste seelische Macht unserer neuen Zeit. Rundfunk, Film und Presse sind damit zu den modernsten Volksführungsmitteln geworden. Die Technik hat nicht, wie Skeptiker das glaubten voraussehen zu müssen, die Herrschaft über den Menschen, sondern der Mensch hat unter unserer Führung die Herrschaft über die Technik angetreten. In ihrem vereinten Einsatz ersetzen sie in der seelischen Durchdringung der Nation manchmal ganze Armeekorps.

        Daneben steht die Presse als die machtvolle Wortführerin des geistigen und propagandistischen Kampfes, den Deutschland heute einer feind­lichen Welt gegenüber mit allen Mitteln der Überzeugungskraft durch­zufechten hat.

        Welch eine Wandlung können wir auf diesem Gebiet dem Weltkrieg gegenüber feststellen! Damals war es in Deutschland gänzlich unbekannt, wie ein geistig-propagandistischer Kampf gegen die uns feindlichen Mächte durchgeführt werden müßte. Auch die Technik stand noch in ihren Anfängen. Sie begann erst, ihre ersten zaghaften Schritte zu tun. Heute stehen wir in unserem geistigen Kampf gegen die Feindmächte auf der Höhe unserer technischen Vollkommenheit. Der deutsche Geist bedient sich der Technik. In souveränem Einsatz von Geist und Technik schlagen wir auch auf dem Felde der propagandistischen Auseinander­setzungen die großen Schlachten unserer modernen Kriegführung. Wir besitzen nicht nur die Mittel der Technik, um diesen Kampf siegreich zu bestehen, sondern auch die Menschen, die sich der Technik zu be­dienen wissen.

        In dieser Stunde nun appellieren wir von dieser Kundgebung der Soldaten, Arbeiter und Kulturschaffenden aus an die deutsche Volks­gemeinschaft und in ihr besonders an die deutsche Wehrmacht. Soldaten, Arbeiter und Künstler haben sich um diese Nachmittagsstunde im Thea­ter des Volkes versammelt, und sie sind mit der ganzen Nation bis zum letzten Bunker und bis zur letzten einsam vorgeschobenen Kompanie im Osten durch die Ätherwellen verbunden. Sie wenden sich an das ganze deutsche Volk. Sie wollen durch diese Kundgebung, die in der Zeit des Krieges eine erhöhte Bedeutung bat, vor aller Welt dartuen, daß die Kunst kein Zeitvertreib für den Frieden, sondern auch eine scharfe geistige Waffe für den Krieg ist. Wir haben diese geistige Waffe unserem Volk in die Hand gelegt, und auch mit ihr und für sie tritt die deutsche Nation zum Kampfe um ihre Existenz an. Wir Deutschen verteidigen in diesem Krieg gegen die feindlichen plutokratischen Mächte nicht nur unseren Lebensraum, unser tägliches Brot und unsere Maschinen, wir ver­teidigen auch unsere deutsche Kultur und mit ihr den großen Segen, den sie dem ganzen Volke bringt. Dafür soll diese Nachmittagsstunde ein Beweis sein.

        In diesem Sinne sind hier Soldaten, Arbeiter und Künstler zu­sammengekommen. Sie verbinden sich im Glauben an den Führer, im Vertrauen auf unser Volk und Reich und auf unsere große nationale Zukunft.

Ein Volk sind wir; ein Weltvolk wollen wir werden!

 

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